Fallbeispiel: Mutter von Frau G.

In der Klink schilderte die Mutter von Frau G. dem aufnehmenden Arzt ihre Wahrnehmung der Dinge folgendermaßen:
Sie berichtete, dass ihre Tochter es in der Vergangenheit nicht leicht gehabt habe. Besonders die Trennung von ihrem Ehemann sei ihr schwer gefallen. Aber sie sei doch sehr tapfer gewesen, habe die Erziehung der kleinen Tochter auch allein ganz gut bewältigt und dabei ihren Beruf weiter ausgeübt. Die finanzielle Unabhängigkeit von ihrem Ex-Ehemann sei der Tochter dabei besonders wichtig gewesen. Sie als Mutter habe versucht die Tochter nach allen Kräften zu unterstützen. Das Verhältnis sei schon immer gut, in den Jahren nach der Trennung noch enger und vertrauter geworden. Umso irritierender sei es für sie gewesen, dass Frau G. im letzten Jahr immer öfter in bestimmten Situationen „ohne ersichtlichen Grund“ gereizt reagiert habe. Anfänglich habe sie geglaubt, dass allein der Stress durch die berufliche Mehrbelastung der Tochter an ihren oft unvorhersehbar emotionalen Ausbrüchen Schuld gewesen sei. Doch diese „Phase“ sei nicht vorbeigegangen, im Gegenteil sei es vermehrt zu Konflikten gekommen und die Tochter zunehmend launischer geworden. Ein solches Verhalten kenne sie so gar nicht von ihr. Für Kompromissvorschläge sei diese vor allem gegen Ende nicht mehr zugänglich gewesen. In den letzten Monaten habe sie dann nicht einmal mehr diskutieren wollen, sondern sei allen Gesprächen aus dem Weg gegangen.
Die Mutter von Frau G. berichtete weiterhin, dass sie sich oft gefragt habe, ob sie denn mitverantwortlich für die Situation sein könne, da sie sich möglicherweise zu sehr in das Leben ihrer Tochter eingemischt habe. Diese Gedanken seien sehr belastend. Weiter gab die Mutter an, dass es wohl bei ihrer Tochter Probleme am Arbeitsplatz gegeben habe, diese darüber aber nicht habe sprechen wollen. Neulich habe sie aber einen Arbeitkollegen der Tochter getroffen, der sehr besorgt gewirkt und sich erkundigt habe, ob es denn zu Hause Schwierigkeiten gebe, da Frau G. immer so angespannt zur Arbeit käme. Dies habe sie verwundert, da Frau G. sich früher immer mitgeteilt habe, wenn sie traurig oder sonst auf irgendeine Weise belastet gewesen sei. Sie habe sich als Mutter sehr hilflos gefühlt, habe nicht gewusst wie sie zu ihrer Tochter durchdringen sollte. Manchmal habe überdies den Eindruck gehabt, Frau G. sei ihr gegenüber regelrecht misstrauisch. In der letzten Zeit habe sie dann so geschaut als ob sie ihr etwas angetan hätte. Das habe sie sehr verletzt, da sie keine Erklärung für dieses Verhalten habe finden können. Weiterhin habe die Tochter sich in der letzten Zeit nur noch selten bei ihren Freunden gemeldet, ihren Sport gänzlich aufgegeben. Dann vor drei Wochen, sei es immer schlimmer geworden. Die Tochter sei einfach nicht mehr zur Arbeit gegangen und habe sich nur noch in ihr Bett zurückgezogen. Die Mutter von Frau G. erzählt, dass sie sich ab diesem Zeitpunkt besonders Sorgen um ihre Enkelin gemacht habe, da sie den Eindruck hatte, dass Frau G. mit der Versorgung des Kindes überfordert gewesen sei. Auf Telefonanrufe habe Frau G. nicht mehr geantwortet und als sie eine Anfrage vom Kindergarten erhalten habe, warum ihre Enkelin denn in letzter Zeit unentschuldigt fehle, hatte sie dann das Gefühl handeln zu müssen. Jetzt sei sie erleichtert, dass die Tochter eingewilligt habe in die Klink zu gehen, sei aber selbst sehr durcheinander und frage sich noch immer ob sie etwas falsch gemacht habe, oder ob sie auf irgendeine Weise habe verhindern können, was passiert sei. Sie als Mutter müsse ihre Tochter doch eigentlich am besten kennen, oder?!