Fallbeispiel: Frau G.

Frau G. ist 32 Jahre alt und arbeitet seit einigen Jahren als Ergotherapeutin in einer großen Rehaklinik. Sie hat eine 5jährige Tochter, die sie nach der Trennung von ihrem Mann jetzt allein erzieht. Dies ist nicht immer einfach, aber Frau G. bekommt dabei Unterstützung von ihren Mutter und einigen Freunden, die auch nach der belastenden Scheidung viel für sie da waren. Bei der Arbeit wird sie von ihren Kollegen für ihre Zuverlässigkeit geschätzt. Die Arbeit hatte ihr in der Vergangenheit immer Spaß gemacht. Seit aber vor ungefähr einem Jahr aufgrund von Sparmaßnahmen viele Stellen abgebaut werden mussten, hat sie doppelt so viel zu tun und kommt abends immer später und sehr erschöpft nach Hause. Ihre Mutter macht ihr jetzt manchmal Vorwürfe, dass sie nicht genug für das Kind da sei. Frau G. empfindet solche Bemerkungen als ungerecht und ärgert sich sehr darüber. „Ich arbeite den ganzen Tag und muss mir dafür noch Vorhaltungen machen lassen“, denkt sie dann. Immer öfter kommt es aufgrund dieses Themas zum Streit. Obwohl sie bis jetzt immer ein gutes Verhältnis zu ihrer Mutter hatte, könnte Frau G. in letzter Zeit manchmal regelrecht aus der Haut fahren, fühlt sich bevormundet und wünscht sich, sie sei weniger auf die Unterstützung der Mutter angewiesen. Bei der Arbeit wird es zudem auch immer anstrengender. Das, was ihr früher leicht von der Hand ging, macht ihr jetzt Mühe. Auf die Patienten einzugehen strengt sie besonders an. Manchmal würde sie am liebsten einfach früher gehen um endlich ihre Ruhe zu haben. Die Stimmung unter den Kollegen ist schlecht. Frau G. hat so langsam das Gefühl, dass die anderen versuchen ihr immer mehr Arbeit aufzudrücken. Als sie dies anspricht, reagieren die meisten mit Verwunderung. Jemand sagt sogar, sie wirke so überlastet und solle doch ein paar Tage Urlaub nehmen. Eine solche Aussage empfindet sie als eine Anmaßung. Seit dem Gespräch -so kommt es ihr zumindest vor- stecken die andern, sobald sie den Raum verlässt, die Köpfe zusammen, um über sie zu reden. Frau G. wird sich immer sicherer, dass die anderen sie beim Stationsleiter anschwärzen, um sie über kurz oder lang aus dem Team zu mobben. Zu Hause kann sie nachts oft lange nicht einschlafen, grübelt, wacht dann mitten in der Nacht nach schlimmen Alpträumen wieder auf um sich stundenlang hin und her zu wälzen. Frau G. fühlt sich immer mehr durch ihre Kollegen bedroht. Wenn sie nach Hause kommt, zieht sie sich meist schnell ins Schlafzimmer zurück. Dort überlegt sie sich, wie sie mit den Kollegen umgehen kann. Manchmal übt sie Dialoge ein, in denen sie diesen dann einmal richtig die Meinung sagt. Immer länger dauern diese gedanklichen Gespräche mit den Kollegen. Neulich hatte sie das seltsame Gefühl diese würden ihr tatsächlich antworten. Die Stimmen klangen erstaunlich echt, so als ob wirklich jemand im Raum gestanden und gesprochen hätte. Dieses Erlebnis war ihr sehr unheimlich.
Für die Gute-Nacht-Geschichte, die sie ihrer Tochter normalerweise vorliest, kann sie sich oft nicht mehr aus dem Bett aufraffen. Lesen ist überhaupt so anstrengend geworden. Die morgendliche Zeitung durchzublättern macht auch keinen Spaß mehr. Der Inhalt ist ihr seltsam egal geworden, zudem hat sie das Gefühl, sie könne sich diesen auch gar nicht länger als ein paar Minuten merken. Die Kollegen zu treffen ist eine Qual. Ständig schauen sie ganz genau, wie sie ihre Arbeit macht, suchen nach Fehlern. Neulich erst hatte sie das Gefühl, jemand habe ihr Fach durchsucht -sicher um Beweise zu sammeln. Nach ein paar Wochen hält sie es nicht mehr aus, lässt sich krankschreiben und bleibt zu Hause. Dort verbringt sie die meiste Zeit im Bett, sie fühlt sich unruhig und kann nur noch an die Arbeit und die Kollegen denken. Kochen ist genauso anstrengend wie sich anziehen oder duschen. Die Stimmen der Kollegen werden immer lauter in ihrem Kopf, sie sprechen auch mit ihr, wenn sie sich nicht mit ihnen unterhalten möchte. Manchmal beschimpfen sie sie sogar und sagen sehr verletzende Dinge zu ihr. Frau G. hat das Gefühl, dass ihr der Kopf platzt. Jedes mal wenn das Telefon klingelt, zuckt sie zusammen und ist sich sicher, dass jemand von der Klinik anruft um zu überprüfen, ob sie auch wirklich krank im Bett liegt. Voller Unruhe und Panik, zieht sie das Telefonkabel aus der Wand, die Türklingel stellt sich auch ab. Ihre Tochter möchte sie nicht mehr in den Kindergarten bringen, denn dabei könnte sie zufällig dem Kollegen begegnen, dessen Sohn in denselben Kindergarten geht.
Gestern stand dann plötzlich ihre Mutter mit einer Freundin völlig aufgeregt vor der Haustüre und wollte wissen, was denn eigentlich los sei. Frau G. wollte sie nicht hereinlassen. Die Mutter aber ließ nicht locker, bis Frau G. schließlich doch die Tür öffnete. Nach intensivem Drängen der Freundin erzählte Frau G. dann doch unter Tränen von ihren schlimmen Befürchtungen. Die Freundin konnte Frau G. ein wenig beruhigen und schließlich überreden sich die einer psychiatrischen Klinik professionelle Hilfe zu suchen. Diese Entscheidung war für Frau G. sehr schwer. Nach langem Überlegen konnte sie sich dann aber doch dazu überwinden sich stationär aufnehmen zu lassen. Die Situation zu Hause war einfach zu unerträglich geworden.